Da man sich im selben Jahr nicht gleichzeitig für Oxford und Cambridge bewerben kann: Welche Faktoren haben für euch den Ausschlag gegeben?
Titas: Der ausschlaggebende Faktor war für mich das Studienangebot selbst. Cambridge bietet mit dem breiter angelegten „Natural Sciences"-Programm eine gute Wahl für alle, die in mehreren MINT-Fächern stark sind. Oxford hingegen hat spezialisierte Programme für diejenigen, die genau wissen, wohin sie wollen. Ich wusste, dass ich Biochemie studieren wollte – die Entscheidung war für mich daher klar: Warum sollte ich Zeit und Energie in Stringtheorie und Strömungslehre investieren, wenn mich Epigenetik und Pharmakologie viel mehr faszinieren? Beide Universitäten sind hochakademisch, und die Kurswahl sollte immer an erster Stelle stehen. Nichts ist schlimmer, als sich von der Atmosphäre blenden zu lassen und dann ein Programm zu studieren, das einen nicht erfüllt.Matas: Für mich spielten zwei kursbezogene Überlegungen eine Rolle: Erstens gilt Mathematik in Cambridge traditionell als besonders stark vertreten – man denke an Newton, Ramanujan, Turing. Zudem gibt es deutlich mehr litauische Mathematikstudierende in Cambridge, was den Zugang zu Insiderwissen erleichtert. Zweitens war ich mir beim Bewerben nicht sicher, ob ich Mathematik oder Physik studieren wollte – Cambridge bietet im ersten Jahr die Möglichkeit, beides zu belegen und sich erst ab dem zweiten Jahr festzulegen. Die richtige Universität zu wählen bedeutet letztlich, den richtigen Studiengang zu finden.
Wie unterscheidet sich das Leben und Studieren in den beiden Städten aus eurer Sicht?
Titas: Die Erfahrung in beiden Städten ist sich ähnlicher, als man vielleicht erwarten würde – letztlich kommt es darauf an, welche einem persönlich mehr liegt. Oxford ist größer als Cambridge, was nicht nur mehr Colleges und beeindruckende Architektur bedeutet, sondern auch die Möglichkeit, dem akademischen Zentrum zu entkommen: das Cowley-Viertel mit seiner kulturellen Vielfalt oder das künstlerisch geprägte Jericho bieten echte Alternativen.Matas: Ich war ehrlich gesagt noch nie in Oxford, kann also keinen direkten Vergleich ziehen. Cambridge hat durch seine Kompaktheit sowohl Vor- als auch Nachteile: Fast alles ist zu Fuß in unter 20 Minuten erreichbar, und die Stadt hat viele Grünflächen. Allerdings fühlt sie sich eher wie ein riesiger Universitätscampus an als wie eine richtige Stadt – es gibt wenig, das nichts mit dem Studentenleben zu tun hat.
Worauf sollten Bewerberinnen und Bewerber bei der Wahl eines Colleges in Oxford oder Cambridge achten?
Titas: Zunächst zählt die Atmosphäre des Colleges. Manche Colleges sind für ihre Partys bekannt, andere sind groß und unterstützen Studierende finanziell großzügig, wieder andere sind kleiner und haben eine engere Gemeinschaft. Ein Großteil des studentischen Alltags spielt sich innerhalb des eigenen Colleges ab – daher ist das Umfeld entscheidend. Ebenso wichtig sind die Tutorinnen und Tutoren, die für die Betreuung zuständig sind. Als ich meine Wahl auf zwei Colleges eingegrenzt hatte, schaute ich mir die Schwerpunkte der jeweiligen Haupttutoren an – einer forschte zu Zellalterung und Seneszenz, der andere zu Erbsen und Pflanzen. Ich überlasse es dir zu raten, welchen ich gewählt habe. Ein letzter Rat: Bewerbt euch nicht per Open Application – wählt gezielt ein College.Matas: Ich stimme Titas in Bezug auf den sozialen Einfluss des Colleges voll zu. Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass es auch collegeinterne Sportvereine und Interessengruppen gibt – es lohnt sich also, zu schauen, wie gut das jeweilige College zu deinen Interessen passt. Außerdem sind manche Colleges internationalen Studierenden gegenüber offener und nehmen proportional mehr internationale Bewerbungen an. Das verbessert nicht unbedingt deine Chancen, kann aber den Start erleichtern – denn die ersten Monate in einer völlig fremden Kultur können überwältigend sein. Rein akademisch gesehen werden die Lehrveranstaltungen vom Fachbereich organisiert, nicht vom College. Die Einzel- oder Kleingruppenbetreuung (Supervisions bzw. Tutorials) wird zwar vom College koordiniert, die Betreuenden selbst wechseln jedoch von Jahr zu Jahr und kommen häufig aus anderen Colleges. Das College hat also wenig Einfluss auf die akademische Erfahrung im engeren Sinne – außer vielleicht die Lage relativ zum eigenen Fachbereich.
Was würdet ihr Studierenden raten, die sich für eine Bewerbung bei Oxbridge interessieren?
Titas: Informiere dich genau, worauf du dich einlässt – es geht nicht nur um ein renommiertes Abschlusszeugnis und malerische Bibliotheken, sondern um das akademisch anspruchsvollste Umfeld in Europa. Überlege außerdem, was du vom Studentenleben erwartest: Die kurzen Terms (8 Wochen) bedeuten, dass alles deutlich intensiver ist und weniger Zeit für das soziale Leben bleibt. Lass dich nicht entmutigen, falls du keine Zusage erhältst – bei diesem Wettbewerb spielt auch Timing und Glück eine Rolle. Beginne früh mit der Vorbereitung, damit du ausreichend Zeit für ein überzeugendes Personal Statement hast. Und hol dir Unterstützung von jemandem, der in Oxbridge studiert oder studiert hat – am besten im gleichen oder einem verwandten Fach. Die scheinbare Offenheit der Aufgabe „Schreib ein Personal Statement" täuscht, und Tipps von jemandem, der auf der anderen Seite war, können entscheidend sein.Matas: Ein paar wichtige Punkte: Du solltest sehr motiviert sein – die Arbeitsbelastung ist intensiv. Plane gut im Voraus: Welche Voraussetzungen werden erwartet? Welche Tests müssen absolviert werden (diese unterscheiden sich zwischen Oxford und Cambridge)? Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es? Überprüfe außerdem, ob der Studiengang wirklich zu dir passt – andere Universitäten bieten manchmal spezialisiertere Programme an, die besser geeignet sein könnten. Und last but not least: Versuche, mit Studierenden aus Oxbridge in Kontakt zu kommen, die denselben Studiengang belegen, für den du dich interessierst. Sie können dir einen viel realistischeren Einblick in den Alltag geben als jeder Prospekt.